Schule in die Freiheit
 
 
 

 

Sklavenlos!  Saar-Bündnis gegen globale Sklaverei heute
 
Initiiert von Attac Saar hat sich seit Dezember 2013 ein Bündnis von Initiativen, Organisationen, Einrichtungen und Einzelpersonen aus Gewerkschaften, Zivilgesellschaft, Kirchen und Wissenschaft formiert, um in Film-, Vortrags-, Diskussions- und Kulturveranstaltungen, Straßenaktionen, Ausstellungen und in den Medien heutige Formen von Sklaverei, sklavereiähnlichen Bedingungen und Menschenhandel in verschiedenen Regionen der Welt zu thematisieren, ihnen ein Gesicht – oder vielmehr: Gesichter – zu geben und den dahinter stehenden Menschen und ihren (nicht selten unter Einsatz ihres Lebens unternommenen) zivilgesellschaftlichen wie individuellen Anstrengungen, die jeweiligen Systeme der Sklaverei zu überwinden, eine Stimme zu (ver)leihen. Und um uns nicht zuletzt auch mit unserer Mitverantwortung und unseren konkreten Handlungsmöglichkeiten im globalen Norden – als MultiplikatorInnen, BürgerInnen, KonsumentInnen und Mitmenschen – auseinanderzusetzen.
Weitere Informationen hierzu siehe unter  >> www.sklavenlos.de.
 
Im Rahmen dieser Thematik hat Attac Saar bereits im Frühjahr 2013 ein Kooperationsprojekt mit der indischen Gewerkschaftsbewegung Jeevika gestartet:
die "Schule in die Freiheit".
 
 
 
"Schule in die Freiheit":
Eine "Brückenschule" für ehemalige Kinder-Schuldknechte & Kinder-Schuldmägde in Karnataka, Indien
 Durch Unterstützung von Attac Saar, dem Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlands, DESWOS e. V., asb e. V. und AES e. V. sowie aus Einzelspenden konnte Jeevika eine „Brückenschule“ in Heggadadevana Kote im südindischen Bundesstaat Karnataka bauen, die in einer ersten Runde 25, später 50 Kinder aufnehmen kann. Das Gebäude wurde im Dezember 2014 fertiggestellt.

                 

                                                             Schule in die Freiheit, Distrikt Mysore                                                                                                                                  Jeevika-AktivistInnen beim Richtfest

 

In einem jeweils neun- bis zwölfmonatigen Intensivunterricht soll ehemaligen Kinderschuldknechten und –mägden und anderen KinderarbeiterInnen, die bislang keine Möglichkeit des Schulbesuchs hatten oder die die Schule vorzeitig abbrechen mussten, die Möglichkeit gegeben werden, für den Übergang in das reguläre Schulsystem vorbereitet zu werden. Initiatorin und Trägerin dieser Einrichtung (wie auch eines ebenfalls geplantes Schulungszentrums für Erwachsene) ist die indische Gewerkschaftsbewegung Jeevika (s. u.) – eine von Dalits („Unberührbare“) und Adivasis (indigene Bevölkerung) getragene Initiative, der bereits 2008 der Karnataka Menschenrechtspreis und 2010 der International Freedom Award von Free the Slaves, USA verliehen wurde. 

 

Ideelle und finanzielle Unterstützung dringend benötigt

 

Da bereits etliche Kinder auf ihre Aufnahme in die Schule warten, es erfahrungsgemäß aber sehr lange dauert, bis die erforderlichen staatlichen Zuschüsse bewilligt werden, werden derzeit noch dringend knapp 20.000 Euro für eine Anschubfinanzierung des Schul- und Internatsbetriebs benötigt. Davon könnten für ein Dreivierteljahr drei Lehrkräfte, zwei KöchInnen, Unterrichtsmaterial und Schulbedarf, Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel für 25 Kinder bezahlt werden.
 
          
 
 
Jede kleine und große Spende bedeutet, den Kindern einen ersten Schritt in ein freieres, ein selbstbestimmteres und würdevolleres Leben zu ermöglichen.
In diesem Sinne ist auch jegliche ideelle Unterstützung / Mitarbeit in bei Sklavenlos! Bündnis gegen globale Sklaverei heute sehr willkommen.

 

InteressentInnen an dem Projekt sind herzlich eingeladen:
 
- zu unserem monatlichen Jour Fixe (einem jeden ersten Mittwoch im Monat um 18:30 Uhr im Saarbrücker Haus der Umwelt, Evangelisch-Kirch-Str. 8, 3. Etage stattfindenden offenen Treffen) sowie
-  zu den Veranstaltungen von Sklavenlos! (siehe >>www.sklavenlos.de), oder
- sich mit uns per E-Mail über buendnis@sklavenlos.de oder unter 0152-01813892 in Verbindung zu setzen.
   
Wer direkt spenden möchte, kann dies unter Angabe des Verwendungszwecks „Spende für Brückenschule - Lehrbetrieb“ über die folgende Bankverbindung tun:
Kontoinhaberin: Attac Saar
Bank: Vereinigte Volksbank e. G.
IBAN: DE55 5909 2000 3906 7700 15
Alle Spenden fließen zu hundert Prozent in den Lehr- und Schulbetrieb der „Schule in die Freiheit“ sowie die Ausstattung der Kinder.
 
 
       
 
 
 
                                     
 
        
 
Hintergrund:
 
Moderne Sklaverei“ weltweit
 
Eine im Oktober 2013 veröffentlichte Studie zu 162 Ländern – der Global Slavery Index (GSI) der australischen Stiftung „Walk Free“– geht von weltweit 38,5 Mio. Menschen in „moderner Sklaverei“ aus – trotz der Ächtung der diversen darunter fallenden Praktiken in Konventionen der Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und des Verbots durch nationale Gesetze. Mit „moderner Sklaverei“ sind hier nicht umgangssprachlich einfach „nur“ generell ausbeuterische Arbeitsbedingungen gemeint, sondern Arbeits- und Lebensverhältnisse, die auf Freiheitsberaubung Täuschung und Zwang basieren und die in vielen Fällen begleitet werden von physischer, nicht selten auch sexualisierter Gewalt, Eingriffen in die Privatsphäre bis hin zu einer nahezu vollkommenen Auslöschung derselben, tagtäglichen Erniedrigungen und, in den meisten Fällen, bitterster Armut.
 
  
Bonded labour in Indien  
 
14 Millionen Menschen – 40 Prozent all derjenigen, die sich heute weltweit in der einen oder anderen Form von Sklaverei, sklavereiähnlichen Bedingungen oder Zwangsarbeit befinden – sind nach Einschätzung des Global Slavery Index 2014 der Walk Free Foundation, Australien in Indien anzutreffen. Der 2013 Trafficking in Persons Report des U.S. Department of State beziffert das Ausmaß in dem südasiatischen Land sogar auf 20 bis 65 Millionen.
Die verbreitetste Form in Indien ist vermutlich – berücksichtigt man Untersuchungen anderer Organisationen wie der ILO, Antislavery International und Human Rights Watch – bonded labour („gebundene Arbeit“). Obwohl in Indien seit 1976 verboten, ist sie dennoch weiterhin in vielen Regionen und Sektoren weit verbreitet (in der Landwirtschaft, in Ziegeleien, Minen und Steinbrüchen, in der Fischerei und Forstwirtschaft, auf Zuckerrohr-, Tee-, Kaffee- und Baumwollplantagen, in der Seidenraupenzucht und in Reismühlen, in der Teppich-, Textil-, Glas-, Streichholz-, Beedi- und Feuerwerkskörperindustrie, in der Edelsteinbearbeitung, im Baugewerbe, in der Gastronomie, in privaten Haushalten, in der Kanal- und Latrinenreinigung (und anderen “unreinen Tätigkeiten”), in Bordellen, im Bettelgewerbe, selbst mitunter in staatlichen Betrieben sowie im Kontext von Tempeln, in denen der Yelamma-Kult praktiziert wird). Die Betroffenen sind in aller Regel Dalits und Adivasis.
 
Bonded labour ist der Sammelbegriff für verschiedene Praktiken von Zwangsarbeit – Schuldknechtschaft ist eine davon. In aller Regel ist es die Aufnahme eines (oftmals geringfügigen) Kredits – zumeist zur Abwendung akuter/n Armut/ Hungers, die den Schuldner verpflichtet, solange unentgeltlich oder gegen eine Bezahlung weit unter dem Mindestlohn für den Kreditgeber (ein Großgrundbesitzer oder Betriebsinhaber) zu arbeiten oder seine Produkte weit unter dem Marktwert zu verkaufen, bis der Kredit abbezahlt ist. Selbst wenn ein anderer Arbeitgeber einen höheren Lohn bezahlen würde, der eine schnellere Rückzahlung des Kredits ermöglichte, ist der Schuldknecht/die Schuldmagd gezwungen, die Schuld direkt bei dem Kreditgeber abzuarbeiten. Man ahnt es schon: es geht darum, die ArbeiterInnen solange wie möglich gegen geringste Bezahlung an sich zu binden.
 
 
Jeevika – eine Gewerkschaftsbewegung gegen Schuldknechtschaft
   
Im südindischen Bundesstaat Karnataka ist seit Ende der 80er Jahre aus den Reihen ehemaliger Schuldknechte und –mägde und TagelöhnerInnen eine Bewegung entstanden, bekannt unter dem Namen Jeevika. Sie tritt ein für die Freilassung von Schuldknechten und –mägden und für eine endgültige Auflösung des bonded labour-Systems. Aus dem Verständnis heraus, dass eine nachhaltige Abschaffung von bonded labour nur möglich ist, wenn man sie in ihrem Kontext erfasst, zielen die Forderungen und Aktivitäten Jeevikas ebenfalls ab auf eine Abschaffung der Kinderarbeit und eine generelle Einhaltung der Kinderrechte, eine Auflösung des Kastensystems wie auch der in ländlichen Gebieten oftmals noch vorhandenen feudalen sowie der ebenfalls für extreme Ungleichheiten verantwortlichen patriarchalen Strukturen. Sie setzt sich ein für mehr soziale Gerechtigkeit, u. a. durch einen gleichen Zugang aller zu den wesentlichen gesellschaftlichen Ressourcen; für eine Erhöhung der Mindestlöhne sowie die Implementierung aller gesetzlichen Mindeststandards; für eine ungehinderte Wahrnehmung der bürgerlichen und politischen Rechte; für die Entwicklung von mehr Respekt und Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Kulturen und für den Abbau von kommunalistischer Gewalt innerhalb der indischen Gesellschaft; für die Förderung ökologischer Nachhaltigkeit und für die Entwicklung von Lösungen und Maßnahmen, um den ungleichen Auswirkungen von Globalisierungsprozessen entgegen zu steuern.
 
Jeevika will informieren, bilden, Bewusstsein schaffen, organisieren, ihre Forderungen gezielt und öffentlich vertreten und für deren Umsetzung mobilisieren. Die Palette der Aktivitäten und Methoden reicht von der Begleitung der Schuldknechte und –mägde in dem oft Jahre bis zur urkundlichen Freilassung andauernden Prozess sowie auch in späteren Auseinandersetzungen mit den Behörden, über Kampagnen, Straßentheater und –musik nach Freires Befreiungspädagogik, unterschiedlichsten Schulungen für ArbeiterInnen, AktivistInnen und den im Freilassungsprozess beteiligten BehördenvertreterInnen und GemeinderätInnen, der Durchführung von Brückenschulunterricht, der Einrichtung und regelmäßigen Treffen von Selbsthilfegruppen (SHG), Gewerkschaftsgruppen und Kinderclubs, über Dorferhebungen und Fallstudien bis hin zur Durchführung von Versammlungen, Demonstrationen, Sit-ins, Rallys und Lobbying-Gesprächen auf allen Ebenen.
 
                                                          
 

                                    Dorferhebung unter Mitwirkung aller BewohnerInnen                                                                                                                                    Antragstellung auf Freilassung

 

Jeevikas Ziel ist ein „empowerment“ der Schuldknechte/-mägde und TagelöhnerInnen sowie deren Familien und Gemeinschaften, d. h. alle Programme und Aktivitäten werden so gestaltet, dass sie die Schuldknechte/ –mägde und TagelöhnerInnen selbst sowie deren Familien und Gemeinschaften nachhaltig befähigen, eigenständig und selbstbewusst für ihre Rechte und Forderungen innerhalb ihrer Arbeitsverhältnisse, gegenüber Behörden und der Polizei sowie innerhalb ihrer Kasten- und Dorfgemeinschaften und darüber hinaus einzutreten. 
 
Was 1987 als kleine Initiative in einem Dorf begann, ist inzwischen zu einer Bewegung und Gewerkschaft mit rund 260 ehrenamtlichen AktivistInnen angewachsen, die fast alle Distrikte Karnatakas erfasst und sich seit kurzem in angrenzende Gebiete in den Bundesstaaten Tamil Nadu und Andhra Pradesh ausdehnt. Der aus der Bewegung heraus entstandenen Gewerkschaft Okkuta gehören inzwischen rund 25.000 (ehemalige) bonded labourers und TagelöhnerInnen aus der Landwirtschaft an, die mittlerweile über 1.150 kleine lokale Gewerkschaftsgruppen gebildet haben, sowie 780 Selbsthilfegruppen – die zumeist u. a. als Spar- und Mikrokreditgruppen fungieren – mit weiteren knapp 9.500 Mitgliedern (zumeist die weiblichen Familienangehörigen der Mitglieder in den Gewerkschaftsgruppen).
 
 
                                                            
  
                                                    Monatstreffen von Jeevika-KoordinatorInnen                                                                                                                                                       Sit-in von Schuldknechten/-mägden vor Behörde
 
 
 
                                                                                      

                                                                Mikrokredit- und Selbsthilfegruppe                                                                                                                                                                               Jeevika-Rallye „Würde für Dalits“

 
Im Laufe der vergangenen 20 Jahre hat Jeevika 27.000 Menschen auf ihrem Weg in die Freiheit unterstützt, und auch darin, Zugang zu diversen Regierungsprogrammen zur Einkommensschaffung und weiteren Armutsbekämpfung zu erlangen.
436 Dörfer sind durch die Aktivitäten von Jeevika heute bonded labour-frei.

                                                                                                                                      

                                                                          Offizielle Freilassungszeremonie                                                                                                                                                                                   Schuldknecht mit Freilassungsurkunde