Redebeitrag
zum Sozialforum Saar am 21.04.07
„Keine Macht der G8“
Zerstörungspotentiale
neoliberaler Politik
Liebe
KundgebungsteilnehmerInnen, Sehr geehrte Passanten,
als Vertreter von Attac Saar möchte ich auf
die Zerstörungspotentiale, welche die neoliberale Politik der Großen Koalition,
der Europäischen Union, bzw. der G8 Staaten beinhalten, hinweisen.
Wenn
ich von Zerstörungspotentialen spreche, geht es nicht um militärische
Maßnahmen, sondern es geht um die der Zerstörung
von Lebensbedingungen, die ein Leben in Würde, ein Leben unter
gleichberechtigten Menschen, erhoffen lassen.
Unser Leben hier in den Industriegesellschaften des Westens
beruht wesentlich auf demokratischen Freiheiten und sozialen Errungenschaften.
Auch wenn diese längst nicht allen
gleichermaßen zu Gute kommen, bilden unsere Grundrechte eine der wichtigsten
Grundlagen unserer Gesellschaft. Die Freiheits- und Grundrechte mussten den
politisch und ökonomisch herrschenden Gruppen in schwierigen Kämpfen über
Generationen abgerungen werden.
Und
was erleben wir heute?
Heute
erleben wir, dass die politisch und ökonomischen Eliten, allen voran die
Regierenden der G8 Staaten, der Forderung nach Gleichheit unter den Menschen
wieder zunehmend feindselig gegenüberstehen. Die Forderung nach einer
Gesellschaft, in der der Gewinnsucht und Profitgier im Sinne des Gemeinwohls
Grenzen gezogen werden, liegt nicht in ihrem Interesse.
Betrachtet
man die Politik der G8-Staaten aus einer Perspektive, die soziale Gleichheit
unter den Menschen als wesentliches Element von Gesellschaft und Wirtschaft
erachtet, so gewinnt man den Eindruck, dass die Regierenden und entscheidenden
Akteure der Transnationalen Konzerne sich nicht mehr als Teil unserer
Gesellschaft sehen.
Vor diesem Hintergrund erweist sich das Wirtschaftsmodell der G8 Staaten in
zu-nehmendem Maße als ein System der Plünderung, der Inbesitznahme von
Gemein-gut, der Zerstörung gesellschaftlicher Solidarität und natürlicher
Ressourcen.
Dass der sog. Kuchen, d.h. die Gesamtheit
des gesellschaftlich hergestellten Reichtums, immer ungleicher verteilt wird,
ist uns allen hinlänglich bekannt. Die Zahl der Einkommensmillionäre wächst,
ebenso, wenn auch sehr viel schneller, die Zahl derer, die keine Arbeit haben
und nicht wissen wie es weiter geht.
Die
Regierenden der G8 Staaten propagieren Wettbewerb und Freihandel.
Aber
in dem Maße, in dem die Ideologie des Freihandels und Wettbewerbs Realität
wird,
beobachten
wir zugleich die Entstehung immer neuer Rekordgewinne, Rekordfusionen und
Rekordübernahmen, also die Herausbildung monopolartiger Strukturen
Diese
Verdichtung wirtschaftlicher Macht hat mit der gepriesenen Vielfalt, welche
durch mehr Wettbewerb erreicht werden soll, nichts zu tun.
Konzentration
wirtschaftlicher Macht auf der einen Seite - und auf der anderen Seite?
-
eine wachsende Zahl von Menschen, die keinen Boden mehr unter die Füße kriegt,
-
Menschen, die Arbeit haben, aber nicht wissen, wie sie auf Dauer den
Anforderung einer härter werdenden Arbeitswelt Stand halten können,
-
Menschen, die von Ungewissheit und Angst befallen werden, wenn sie an die
Zukunft („an die Rente ab 67“) denken.
Und
dennoch,
nach
wie vor predigen uns die Regierenden, wirtschaftliches Wachstum sei der Ausweg
aus der Krise. Sie predigen der wirtschaftliche Aufschwung würde kommen, die
Arbeitslosigkeit würde sich verringern, und auch Vollbeschäftigung sei
erreichbar.
Tatsächlich
aber
erweist
sich unser Wirtschaftssystem in wachsendem Maße als unfähig gemäß seinen
eigenen Ansprüchen (Jeder hat eine Chance), seinen eigenen Versprechungen (Es
gibt Arbeit für alle) und seinen (Wachstum und Wohlstand für alle) zu
funktionieren.
Das von den G8 Staaten unterstützte und geschützte kapitalistische
Wirtschaftssystem ist:
-
nicht mehr im Stande, alle Menschen, die arbeiten wollen, an der Arbeit
partizipieren zu lassen. Dennoch propagieren sie „Wer nicht arbeitet, soll auch
nicht Essen“ und das bedeutet: sie zwingen Menschen Arbeit zu suchen, die es
nicht mehr gibt, oder die allenfalls noch ein Leben unter Armutsbedingungen
erlaubt.
Unser
Wirtschaftssystem ist weiterhin
-
nicht mehr im Stande das Anwachsen von Zonen der Armut auch in den industriell
entwickelten Gesellschaften zu verhindern.
Das
heißt insgesamt ist unser Wirtschaftssystem nicht (mehr) im Stande, den
gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtum angemessen zu verteilen.
Statt
dessen verursacht der kapitalistische Produktionsweise soziale und ökologische
Folgeschäden in kaum mehr vorstellbaren Ausmaß.
Jeder Fortschritt innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems wird so
zugleich ein Fortschritt wachsender Ausbeutung, ein Fortschritt in der
Zerstörung des sozialen Friedens, ein Fortschritt in Richtung Ruin unserer
natürlichen Lebensgrundlagen.
Unser
Wirtschaftssystem ist in sich ein irrationales System. Er ist letztlich
irrational, weil es nur private Interessen anerkennt und deshalb nur wenigen zu
Gute kommt.
Was bedeutet diese Entwicklung für unsere Gesellschaft als Ganzes und für
uns, die wir Teil dieser Gesellschaft sind?
Die
Regierenden der G8-Staaten favorisieren ein bestimmtes Gesellschaftsmodell. Sie
betrachten die Menschen als eine Ansammlung von Individuen, die nichts anderes
mit sich anzufangen wissen, als Geschäfte zu machen, Waren zu konsumieren und
besser als alle Anderen zu sein.
Das
sogenannte neoliberale Gesellschaftsmodells bedeutet, dass die Macht
ökonomischer Interessen mehr und mehr außer Kontrolle gerät.
Demokratische
Gesellschaften hingegen fordern, dass das wirtschaftliche Leben,
gesellschaftlichen Zielen und gesellschaftlichen Zwecken untergeordnet ist.
Unser Ziel aber ist nicht blindes Wachstum nicht „Wachsen oder Weichen“, unser
Ziel sind ökologisch und sozial sinnvolle Arbeitsplätze und faire Preise.
Was
wir aber gegenwärtig erleben ist etwas anderes:
Gesellschaftliche
Solidarität spielt keine Rolle mehr in der Tagespolitik der Regierungen.
Diese
Seite wird von den Regierenden kaum mehr wahrgenommen. Die politische
Diskussion dreht sich primär darum, wie wir billiger produzieren können als
unsere Nachbarn, als andere Nationen, die unsere Absatzmärkte bedrohen.
Mit
dieser Politik setzten sich die Regierenden, allen voran die G8 Staaten über
die tatsächlich bestehenden Ungleichheiten, die sozialen Nöte und die
vielerorts bestehende Unterversorgung einfach hinweg.
Diese
Entwicklung, die Unterwerfung politischer Entscheidungen unter die ökonomische
Interessen, ist fatal. Sie ist deshalb fatal und völlig inakzeptabel, weil
dadurch die Menschen in einen Kampf getrieben werden, in dem alle gegen alle
kämpfen und konkurrieren müssen und dies obwohl die Mittel vorhanden sind, dass
niemand auf der Welt mehr Hunger leiden muss, und sicherlich auch sonst als Mensch seinen
grundlegenden Bedürfnisse gemäß leben könnte.
Dieser
angeheizte Existenzkampf stellt die schlimmsten Formen von Herrschaft, Unterwerfung
und Ausbeutung, von denen wir dachten sie gehörten der Vergangenheit an, wieder
her.
Diese
Politik ,die die Würde der Menschen untergräbt ist kein Naturgesetz.
Kämpfen
wir für
- eine
Bändigung der entfesselten Kräfte des Freihandels,
- die
Unterordnung ökonomischer Interessen unter gesellschaftlich sinnvolle Ziele.
Grundrechte
und Menschenrechte sind niemals sicher, sie leben davon, dass Menschen von
ihnen Gebrauch machen und sich über ihre gemeinsamen Interessen einigen.
Gegenüber den Vertretern der G8 Staaten gilt es deshalb deutlich zumachen,
dass wir eine andere Welt wollen:
Wir
wollen vor allem eine andere Form von Reichtum, ein Reichtum der sich daran
bemisst, dass er allen zu Gute kommt. Dieser Reichtum wäre gebunden an eine
Arbeit, die gesellschaftlich sinnvoll ist und die als befriedigend erlebt
werden kann.
Wir wollen einen Reichtum als Ausdruck der menschlichen Möglichkeiten,
jenseits von Ausbeutung, Unterdrückung und Arbeitszwang zu leben.
Damit
diese Form des Reichtums in unserer Gesellschaft entstehen kann, brauchen wir
eine andere Wirtschaftsordnung. In diesem Sinne kämpfen wir dafür, dass
zukünftig nicht mehr der Mensch der Produktionsentwicklung dient, sondern die
Produktion der menschlichen Entwicklung.
Wir
leben nicht um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben.
Solidarität
statt Freihandel!
Bernd
Willms
(Dipl.
Soziologe)
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